Moritz Rinke
"Männer und Frauen"
(Mai/Juni 2008)
Darmstädter Echo, 11.06.2006
Der Saal ist das Problem
TUD-Schauspielstudio: „Männer und Frauen“: Die erste Inszenierung nach zwei Jahren
DARMSTADT. Gegen zwei Mitbewerber konnte sich Andreas Fecher durchsetzen. Nun spielt er den Wissenschaftler Martin Goldmann und damit eine der Hauptrollen in „Männer und Frauen“. Die an der Faust-Thematik orientierte Komödie von Moritz Rinke ist das aktuelle Bühnenprojekt des TUD-Schauspielstudios. „Er konnte den Text von Anfang an besonders gut“, begründet Regisseur Steffen Küpper die Wahl.
„Martin Goldmann ist ein Neurologe kurz vor dem Durchbruch“, beschreibt Andreas Fecher seine Rolle. „Er ist sich sicher, dass der Nobelpreis in greifbarer Nähe ist.“ Doch mit den Frauen funktioniere es nicht recht. Deswegen erhalte er Engel Heinrich (Julien Lietart) zur Seite, der Abhilfe schaffen soll. Vielschichtig und mit zahlreichen Querverweisen ausgestattet sei das Stück, sagt Jörn Adamczewski, der neben Steffen Küpper und Carsten Beck für die Regie verantwortlich zeichnet. Wegen seiner Sperrigkeit sei das Drama zuerst auf ein zweigeteiltes Echo unter den gut dreißig aktiven Ensemblemitgliedern gestoßen. „Doch es ist ein Spaß sowohl für in Literatur Unbewanderte wie für Bewanderte“, sagt Adamczewski.
Die Komödie ist die erste Inszenierung des TUD-Schauspielstudios seit „A Clockwork Orange“ vor zwei Jahren. Unsicherheiten wegen des Köhlersaals im alten Hauptgebäude der Darmstädter Universität waren der Grund für die Pause. Dieser Saal ist die traditionelle Bühne des Ensembles. Angefangen hatten die Probleme 2004, wie sich Ralf Pfleiderer sichtlich entnervt erinnert. Bis zu diesem Jahr sei der Köhlersaal als Hörsaal genutzt worden, Probleme mit der Lichtanlage hätten schließlich zur Folge gehabt, dass er gesperrt werden sollte. Sondergenehmigungen sicherten dennoch die folgenden Inszenierungen, zwischenzeitlich sei von der Hochschulverwaltung sogar eine Renovierung in Aussicht gestellt worden, sagt Pfleiderer. Doch das sei nicht umgesetzt worden und das TUD-Schauspielstudio sei in eine Krise geschlingert.
Jetzt spielt man „Männer und Frauen“ – und das ist erst durch eine dritte Sondergenehmigung möglich geworden, da das Ensemble in Eigenregie eine Lichtanlage installiert hat. Inzwischen hat man für den Saal immerhin das alleinige Nutzungsrecht. Das Ensemble wünscht sich dennoch klare Perspektiven. Auch wegen der besonders im bühnentechnischen Bereich benötigten Nachwuchs-Freiwilligen. „Wir hatten einige Neuzugänge, die aber abgesprungen sind, weil kein Stück entstand“, erinnert sich Julien Lietart. Doch fühle die bestehende Gruppe untereinander eine starke Bindung, wie immer wieder betont wird. Auch jenseits der Hobby-Schauspielerei treffe man sich etwa in der Kneipe oder zum Klettern in der Halle, sagt Andreas Fecher. „Während der Proben rappelts allerdings immer an irgendeiner Stelle“, verrät Steffen Küpper. „Das gehört dazu, damit die Spannung für die Bühne aufgebaut wird.“
Neuzugänge – auch von Nicht-Studenten – seien jederzeit willkommen. Immer dienstags trifft sich das Ensemble um 20 Uhr im Köhlersaal, dann stehen unter anderem Theaterübungen auf dem Programm. „Improvisation, Rollenfindung, miteinander spielen“, wie Küpper auflistet. Vier Wochen vor einer Premiere trete man in die heiße Phase, dann würden bisweilen Wochenenden durchgeprobt. „Dann gibt es nur noch Uni und Theater“.
Weitere Vorstellungen von „Männer und Frauen“ sind heute (11.) sowie am 15., 19., 20., 26. und 27. Juni, jeweils um 20 Uhr im alten Hauptgebäude der TUD in der Hochschulstraße 1 im Raum S 103-283.
John Fowles
"Der Sammler"
(21.10. - 11.11.2006)
Darmstädter Echo, 23.10.2006
Gefangen wie ein Insekt
Kammerspiel: Parallelen zum Fall Kampusch: Schauspielstudio der TU Darmstadt zeigt das Stück „Der Sammler“ nach einer Romanvorlage
DARMSTADT. Die Bühne zeigt eine karge Kammer. Eine Pritsche, eine Kommode. Nur zwei Fotografien und ein aufgespießter, eingerahmter Schmetterling an der Wand deuten etwas Wohnlichkeit an. Die Metalltür, die dieses Verlies von der Außenwelt abgrenzt, wirkt kalt und schwer. Plötzlich betritt ein unscheinbarer Mann den Raum. Er schleppt eine bewusstlose junge Frau hinein, legt sie auf die Pritsche und betrachtet sie verklärt. Emma Pearce, eine Kunststudentin, wurde entführt. Doch hat sie es bei ihrem Entführer weder mit einem Erpresser noch mit einem Vergewaltiger zu tun.
Im TUD-Schauspielstudio hat Carsten Beck das Stück "Der Sammler" einstudiert, das am Samstag im alten Hauptgebäude der Technischen Universität Darmstadt Premiere hatte. Der Autor John Fowles hat den Roman 1963 geschrieben, die deutsche Bühnenfassung stammt von Halina Herzog. Die alte Vorlage erhielt vor zwei Monaten durch die Flucht des Entführungsopfers Natascha Kampusch bedrückende Aktualität. Der Roman und die Entführung des Mädchens weisen so verblüffende Parallelen auf, dass vermutet wurde, er habe dem Entführer Wolfgang Priklopil als Inspiration für sein Verbrechen gedient. Einen Beleg dafür gibt es nicht. Dennoch kann man die Inszenierung des Schauspielstudios kaum verfolgen, ohne die erschütternde Geschichte von Natascha Kampusch, die als Kind verschleppt wurde und acht Jahre lang in der Gewalt ihres Entführers war, im Hinterkopf zu haben.
Die Inszenierung ist auf den Entführer David Brown (Mark Müller-Linow) und die Kunststudentin Emma Pearce (Ramona Jobst) fokussiert. Beide Perspektiven werden ausgeleuchtet, jedoch nur innerhalb der Kammer, in der die junge Frau gefangen ist. Anfangs dröhnt noch eine Vermisstenmeldung aus der Außenwelt durch die Lautsprecher, doch der Blick der Inszenierung sinkt schließlich ganz in das Kellerverlies und damit in die Scheinwelt des Entführers. Dieser glaubt, getan zu haben, was er tun musste. Verzweifelt versucht die Studentin, das Motiv des sozial gehemmten Insektensammlers herauszufinden, der mit seinem Pullunder, der glatt gekämmten Frisur und den verlegenen, unsicheren Gesten reichlich unbedarft wirkt. Mit verschiedenen Strategien versucht Emma, ihre Freilassung zu bewirken. Über plumpe Fluchtversuche, Wutausbrüche, Hungerstreiks und gespielte Zuneigung erstrecken sich die Versuche der Gefangenen, ihren Entführer zu überlisten. Er will Freundschaft, Liebe und deutet eine trostlose Kindheit an. Obwohl sie ihm intellektuell überlegen ist, hat der Verrückte ein sicheres Gespür für die Psychotricks seines Opfers, das nur teilweise Macht über ihn gewinnen kann.
Mit unsicher kullernden Augen, mit zuckenden Mundwinkeln, die ein verlegenes Lächeln andeuten und nervös spielenden Fingern gibt Mark Müller-Linow vor allem der verletzlichen Seite seiner Figur Tiefe. Die andere Seite ist kriminell, pathologisch und entschlossen, das Opfer so im Griff zu haben wie die Schmetterlinge, die er chloroformiert und aufspießt. Ramona Jobst verkörpert die selbstbewusste, lebensfreudige Studentin, die sich zunächst nicht in die Rolle des demütigen Opfers pressen lässt. Vor allem diese starke Seite kauft man der Darstellerin ab. Die beiden Rollen sind gut besetzt, was die extreme Gegensätzlichkeit der Figuren betont. Die teilweise auch philosophische Charakterstudie des Ensembles hinterlässt einen starken Eindruck.
Weitere Aufführungen am Samstag (28.) und 30. Oktober, 3., 5., 9., 10. und 11. November, jeweils um 20 Uhr in Raum S 103/175 im alten Hauptgebäude der Technischen Universität Darmstadt. Kartentelefon: 0178 7490810.
Lange Nacht der Musen, Darmstadt
"Goethe, Schiller, kurz und knapp"
(22. September 2006)
Darmstädter Echo, 20.9.2006
Mit Theatersuppe und Götterspeise
Lange Nacht der Musen – Die Veranstalter hoffen am Freitag auf über 5000 Besucher
Darmstadts neues Citymarketing beweist Kreativität: Zur Pressekonferenz über die Lange der Nacht der Musen ging es mit Schutzhelm auf die Baustelle des Kongresszentrums.
Am Freitag wird die sechste Musennacht am Rand der Baustelle auf der Ollenhauer-Promenade eröffnet. „Es gibt Plätze für 200 Menschen, Fassadenbeleuchtung, Tanz der Gruppe ‚Anaconda‘ und Gesang des A-cappella-Chors ‚Futura 2006‘“, kündigte Herdel die offizielle Startveranstaltung für 19 Uhr an.
In der Langen Nacht der Musen bieten 50 Veranstalter zwischen 19 Uhr und 3 Uhr morgens ein facettenreiches Programm.
Ein Barfußpfad führt durch den Botanischen Garten, der Waldkunstpfad wird mit Taschenlampen erkundet, die Dampflok rattert durch die Nacht. Musikalische Vielfalt bietet die Akademie für Tonkunst, tanzbare Afromusik die Bessunger Knabenschule. Das Landesmuseum wird mit Latin, Boogie und Tango zu einem Tanzpalast.
In der Centralstation gibt die Stuttgarter A-cappella-Formation „Fünf Südfrüchte“ um 21 Uhr ein Konzert. Sandip Shah lockt ab 21 Uhr mit einer Performance von Stefanie Trojan und ab Mitternacht mit Götterspeisen-Buffet in die bewohnte Kunstinstallation (Lauteschlägerstraße 5a) – kurzum: Nachtschwärmer erleben die Wissenschaftsstadt als Stadt der Künste.
Kurzfilme nonstop sind im Kino Festival zu sehen, der Weiße Turm kann bis 1 Uhr bestiegen und mit Besuch im nahen „Haroun’s Restaurant“ verbunden werden, wo Bauchtanz geboten wird.
Radio „Radar“ öffnet die Studiotüren, und die Sparkasse wagt „Saitensprünge“ mit feurigen spanischen Klängen. „Die Nacht ist nicht allein zum Schlafen da!“, heißt es um Mitternacht in einem Musikkabarett des Schauspiels im Staatstheater, wo es nach der feierlichen Eröffnungspremiere in der Oper eine Disko gibt.
„Theatersuppe“ serviert das Mollerhaus, „Goethe, Schiller, kurz und knapp“ verspricht das Schauspielstudio der Technischen Universität.
Die Eintrittskarte für elf Euro im Vorverkauf ermöglicht Zugang zu sämtlichen Veranstaltungen sowie Nutzung der sechs Pendelbusse der HEAG Mobilo und der Firma Skoda, aber auch öffentlicher Verkehrsmittel.
Karten und komplettes Programm mit Wegweiser gibt es im Ticketshop am Luisenplatz und bei allen teilnehmenden Häusern. „5000 Besucher aus Darmstadt und der Region hatten wir im letzten Jahr. Wir hoffen, dass es diesmal noch mehr werden“, sagte Herdel.
Nach der langen Nacht folgt der „Tag der Stadtgeschichte“ Wer ausgeschlafen hat, ist am Samstag (23.) zwischen 9.30 Uhr und 17 Uhr zum „Tag der Stadtgeschichte“ eingeladen. Vorträge und Führungen erhellen Gegenwärtiges im Licht der Historie.
Hier eine Auswahl: „Geschichten vom Schloss“ kann man um 9.30 Uhr im Residenzschloss hören, „Stadtgeschichte auf einen Blick“ heißt ein Vortrag um 10 Uhr in der Stadtbibliothek, der Hinkelsturm an der Stadtmauer zeigt Vogelschau-Ansichten des mittelalterlichen Darmstadt.
„Hauptbahnhof Darmstadt – ein Denkmal im Wandel“ ist eine einstündige Führung um 15 Uhr benannt. Mit dem Buch „Von der Marktfrau zur Studentin“ fassen Agnes Schmidt und Ellen Hausberg um 14 Uhr im Staatsarchiv am Karolinenplatz Stadtführungen auf der Spur historischer Frauen als kulturellen Leckerbissen zusammen. Sigrid Schütrumpf liest aus einem Text der Darmstädterin Louise von Gall.
Michael Frayn
"Kopenhagen"
(23.6.2006)
Darmstädter Echo, 16.6.2006
Theologie und Physik im Dialog
Evangelische Kirchengemeinde Wixhausen: Die engen Verbindungen zur Gesellschaft für Schwerionenforschung finden sich im Programm wieder
Meditation, Messe, Musical, Kunst, Kino, christliche Comedy oder Chorkonzert – das Programm der ersten ökumenischen Nacht der Kirchen am 23. Juni ist so vielfältig wie die Gemeinden selbst, die sich daran beteiligen. Von 19 Uhr bis nach Mitternacht werden Besucher in der Johannisnacht an 40 Veranstaltungsorten in der Stadt erwartet. In lockerer Folge stellen wir einige Gemeinden mit ihrem Programm vor.
Theologie und Naturwissenschaft, Glaube und Wissen – um diesen scheinbaren Gegensatz dreht sich alles in der Evangelischen Kirchengemeinde Wixhausen. Auch bei der Nacht der Kirchen gewährt sie Einblick in ihr Spezialthema.
Seit vielen Jahren beschäftigt sich Pfarrer Hans-Eberhard Ruhl mit der Beziehung zwischen Natur- und Geisteswissenschaft, auch in der Kunst. Als sich die Gesellschaft für Schwerionenforschung (GSI) in Wixhausen ansiedelte, nahm Ruhl, der seit fast 30 Jahren die Gemeinde leitet, den Bau einer Teilchenbeschleunigeranlage zum Anlass, einen Gesprächskreis zwischen Quantenphysikern und Theologen aus der Taufe zu heben.
Neben Wissenschaftlern der GSI nehmen an den monatlichen Gesprächen Theologen und Physiker teil. „Es ist wichtig, dass Kirche auch auf so einem Feld arbeitet“, sagt Ruhl, „sie darf sich als Volkskirche nicht nur mit Alltagsgeschichten beschäftigen“.
GSI und Kirchengemeinde betreiben einen internationalen Kindergarten für Kinder ab zwei Jahren. Ziel ist es, jungen Wissenschaftlerinnen zu ermöglichen, in der Forschung zu bleiben. Die GSI hat knapp 500 000 Euro zum Ausbau des Kinderhauses gegeben, die Stadt zahlt für den Modellversuch das Personal.
Die GSI plant derzeit ihren Ausbau für eine Milliarde Euro, der laut Ruhl bis zu 1000 zusätzliche Wissenschaftler bringt. Die Ausbaupläne stellt die Kirche am 23. Juni ab 19 Uhr vor. Zeitgleich gibt es eine Führung zu den Physik-Kirchenfenstern und der Stele des Künstlers Thomas Duttenhoefer sowie dem „Darmstadtium“-Fenster im Kinderhaus.
Seit dem Jahr 1997 zieren die zwei Physikfenster, die Duttenhoefer nach Konzepten des Physiker-Theologen-Kreises angefertigt hat, die Barockkirche. Das eine zeigt die sechs Elemente, das andere die Schöpfungsgeschichte.
Um 20 Uhr wird Martin Lehmann auf der Dreymann-Orgel von 1827 spielen, anschließend bietet die Kirche mit dem Schauspielstudio der Technischen Universität Darmstadt eine Lesung des Stückes „Kopenhagen“ von Michael Frayn an.
In dem Zweiakter geht es um die Begegnung zwischen dem Atomphysiker Werner Heisenberg, der im Auftrag Hitlers an der Atombombe arbeitet, und dessen Freund und Lehrmeister Niels Bohr, den jener 1941 in Kopenhagen aufsucht, um ihn zu fragen, ob man als Physiker das moralische Recht habe, an der praktischen Nutzung der Atomenergie zu arbeiten.
Ein Element, das nichts mit dem Dialog von Natur- und Geisteswissenschaft zu tun hat, ist der Besuch des Wixhäuser Dorfmuseums um 23 Uhr. Um Mitternacht wird es einen Impuls zum Thema Theologie und Naturwissenschaft in der zeitgenössischen Kunst geben. Die Andacht hält Ruhl gemeinsam mit Hubert Meisinger.
Der Pfarrer der Evangelischen Studierenden-/Hochschulgemeinde wurde in der Wixhäuser Kirche ordiniert und wohnt in dem Stadtteil. Meisinger gehört ebenfalls dem Physiker-Theologen-Gesprächskreis an; er ist preisgekrönter Kenner der Nanotechnologie.
Anthony Burgess
"A Clockwork Orange"
(3.2. - 26.2.2006)
Darmstädter Echo, 2.2.2006
Beethoven, Sex und Gewalt
Ausblick: Das Schauspielstudio der Technischen Universität Darmstadt zeigt die Bühnenfassung des Romans "A Clockwork Orange" von Anthony Burgess – Premiere am Freitag (3.)
DARMSTADT. Nichts ist schlimmer als Langeweile. Der sechzehnjährige Alex bekämpft sie mit einer abenteuerlichen Mischung aus Beethoven, Sex und Gewalt. Gemeinsam mit drei anderen Jugendlichen terrorisiert er nachts sein Stadtviertel. Tagsüber braucht er Ruhe und hört Musik von Beethoven.
So beginnt der Roman „A Clockwork Orange“ von Anthony Burgess, der 1971 durch die Verfilmung von Stanley Kubrick weltberühmt wurde. Das Schauspielstudio der Technischen Universität Darmstadt, das seit über zehn Jahren ungewöhnliche Themen erarbeitet, spielt die Bühnenbearbeitung der Royal Shakespeare Company in einer deutschen Übersetzung von Bruno Max.
Der Titel „A Clockwork Orange“ verweist auf den Wunsch totalitärer Machthaber, Untertanen zum Uhrwerk zu degradieren, indem der Bürger dressiert wird wie ein Affe („Orang Utan“). Andrea Bick und Andreas Fecher führen Regie und bieten zweieinhalb Stunden dichter Inszenierung. Da hier die Musik eine wichtige Rolle spielt, hat Clemens Keggenhoff sie extra für das Schauspielstudio produziert. Daniela Decker entwarf die Kostüme.
Alex (Mathias Karst) suhlt sich mit seinen Kumpels (Arne Henkler, Ralf Pfleiderer, Stefan Sopper) in Orgien von Brutalität. Doch als Anführer ist er umstritten, und nach einem Überfall überlassen ihn seine Freunde verletzt der Staatsmacht. Nun wird Alex selbst Opfer von Willkür und Erniedrigung durch Polizei und Gefängnisverwaltung. Aber mit dem „Ludovico-Projekt“ des Sozialministers hat er eine Chance: Ununterbrochen wird er gezwungen, Brutalitäten am Bildschirm zu ertragen, während gleichzeitig Musik von Beethoven erklingt. Nach zwei Jahren wird ihm übel, wenn er nur an Gewalt denkt. Er wird als geheilt entlassen.
Doch außerhalb der Mauern des Gefängnisses ist er nicht mehr frei in seinen Entscheidungen. Unfähig, sich zu wehren, ist er der Rache seiner ehemaligen Opfer ausgesetzt, Politiker wollen ihn für ihre Zwecke nutzen. Selbst Musik und Sexualität, einst Quell der Freuden, schrecken ihn nur noch ab. „Jung sein, das ist wie ein Spielzeug, das man aufzieht und das ohne Sinn und Verstand losgaloppiert“, sagt der erwachsene Alex. Am liebsten würde er wieder in der Kneipe abhängen und Leute ärgern. Denn er weiß: „Mein Sohn wird die gleichen Fehler machen – und ich kann nichts dagegen tun.“
Premiere am Freitag (3.), weitere Aufführungen am 8., 10., 11., 14., 24., 25. und 26. Februar, jeweils um 20 Uhr im Köhlersaal des alten TU-Hauptgebäudes, Hochschulstraße 1. Internet: www.tud-schauspielstudio.de.
William Shakespeare:
"Viel Lärm um nichts"
(3.11.2001 - 24.11.2001)
Darmstädter Echo, Freitag 5.11.2001:
Nachhilfe in Sachen Liebe
TUD-Schauspielstudio spielt Shakespeare-Komödie
(kah). Ach ja, die Liebe, sie macht es uns nicht immer einfach im Leben.
Da gibt es Menschen, die wissen, dass sie zusammengehören, denen aber
Steine in den Weg geworfen werden auf dem Pfad ihres Glücks. Wieder
andere glauben, ohne das andere Geschlecht wesentlich besser auskommen
zu können, müssen aber dann doch feststellen, dass sie füreinander
bestimmt sind. Die Liebe geht oft eigene Wege und wer könnte diese besser
aufzeigen als der englische Dichter und Dramatiker William Shakespeare.
Das Schauspielstudio der Technischen Universität hat sich dieser Thematik
angenommen und Shakespeares „Viel Lärm um nichts“ auf die Bühne gebracht.
Bei der Premiere am Samstag im Köhlersaal des alten Hauptgebäudes zeigte
das Ensemble eine klassische Inszenierung des Stücks. Der Krieg ist zu
Ende. Prinz Pedro (Jörn Adamczewski) und seine Begleiter Benedikt
(Valdemar Sturmfeder) und Claudio (Steffen Küpper), die siegreich aus dem
Kampf zurückgekehrt sind, besuchen Leonato, den Gouverneur von Messina
(Roland Johannes).
Dort verliebt sich Claudio in die schöne und einzige Tochter des Gouverneurs,
Hero (Andrea Bick). Das Glück könnte perfekt sein, denn auch sie erwidert
seine Gefühle, gäbe es da nicht noch Don Juan, den Halbbruder des Prinzen.
Der ist, wie er sich selbst bezeichnet, "ein aufrichter Bösewicht",
überzeugend gespielt von Michael Grundmann. Durch Intrigen und Täuschungen
gelingt es ihm, Claudio von seinen Heiratsabsichten abzubringen.
Währenddessen finden zwei andere Herzen einander: Beatrice (Dominique
Haubert), die stolze und Männer verachtende Cousine der Hero und Benedikt,
seines Zeichens eingefleischter Junggeselle. Streitlustige Wortgefechte
sind das einzige, was sie füreinander übrig haben, scheint es.
Doch mit ein wenig Nachhilfe in Sachen Liebe verhelfen Hero und Claudio
dem ungleichen Paar doch noch zu ihrem gemeinsamen Glück.
Die Protagonisten müssen einiges über sich ergehen lassen, ehe sie dann doch
zueinander finden. Auch für Hero und Claudio soll es eine gemeinsame Zukunft
geben, für die Claudio noch einiges leisten muss. Zum Schluss wartet natürlich
ein Happyend, die Schurken werden entlarvt, den beiden Paaren steht nun der Weg
zur Eheschließung offen.
Das Ensemble war mit viel Spaß und Engagement bei der Sache. Kleine Patzer
im Text wurden schnell verziehen und das Premierenpublikum spendete nach
zweieinhalb Stunden kräftig Applaus.
Weitere Aufführungen sind am Dienstag (6.), Donnerstag (8.), Samstag (10.),
Sonntag (11.), Dienstag (13.), Sonntag (18.), Dienstag (20.), Freitag (23.),
Samstag (24.) jeweils um 20 Uhr im Köhlersaal der TUD.
Thornton Wilder:
"Unsere kleine Stadt"
(15.11.2000 - 2.12.2000)
Darmstädter Echo, Freitag 17.11.2000:
Oft birgt die Banalität das wahre Leben
TU-Schauspielstudio wagt sich erfolgreich an Thornton Wilders "Unsere kleine Stadt"
(ale) "Man muß das Leben lieben, um es zu leben, und man muss
das Leben leben, um es zu lieben." Mit diesem Satz appelliert
Thornton Wilder "einen unbezahlbaren Wert in den kleinsten
Ereignissen unseres täglichen Lebens zu finden".
Wilder (1897-1975) gehört zu den anerkanntesten Romanciers und
Dramatikern des 20. Jahrhunderts, obwohl - oder gerade weil -
seine Werke weder expressionistische noch avantgardistische Züge
aufweisen. In seinen Romanen und Theaterstücken beschäftigt sich
der amerikanische Erzähler und Dramatiker, dreifacher
Pulitzerpreisträger und 1957 mit dem Friedenspreis des Deutschen
Buchhandels ausgezeichnet, vor allem intensiv mit dem Tod.
Immer aus dem Blickwinkel seiner konservativ-christlichen aber
auch ausgesprochen realistischen Weltsicht. Sein bekanntestes Werk
"Unsere kleine Stadt" steht seit Mittwochabend auf dem Spielplan
des Schauspielstudios der Technischen Universität (TU) Darmstadt.
Die Studenten haben es sich nicht leicht gemacht - und ein
anspruchsvolles Stück - auf der Bühne realisiert.
Geschildert wird der Alltag in einer beliebigen, durchschnittlichen
Kleinstadt in New Hampshire zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Grovers Corners hat 2642 Einwohner, zwei Geschäfte und einen
Polizisten. Wer nachts seine Haustüre abschließt, wird schon seltsam
angeschaut und das Auftauchen eines "Automobils" ist Stadtgespräch.
"Es ist eine hübsche, nette, ansprechende Stadt, wie viele andere auch."
Wie viele andere leben auch hier die Menschen. Banale Ereignisse
bestimmen den Alltag, und diese erzählt auch das Stück. Doch ist
scheinbare Banalität nicht immer der Alltag? Und weiß der Mensch
dessen Vertrautheit zu schätzen? Der erste Akt beschreibt diese
Normalität. Im Zweiten stehen die Liebe der Nachbarskinder
George und Emily und ihre folgende Heirat im Mittelpunkt, die das
normalste der Welt zu sein scheint. Denn immerhin "ist der Mensch
dazu da, zu zweit zu leben", wie die Mutter es ausdrückt. Doch das
Glück währt nicht lang. Emily stirbt neun Jahre später im Kindbett
und trauert um die nicht intensiv geführten Momente ihres Lebens.
Geschildert wird diese Geschichte in einer eigentümlichen Verzahnung
von Erzählung und szenischer Darstellung. Im Zentrum der Handlung steht
der Spielleiter, von Carolin Groß und Michael Grundmann in dieser
Aufführung sogar doppelt besetzt, der nicht nur Requisiten, Schauplatz
und Personen des Stückes beschreibt, sondern auch aktiv mitgestaltet
und kommentiert. Ihr Jedermann-Schicksal erleben die Menschen als
Gegenwart, für Zuschauer und den allwissenden Spielleiter ist es schon
Vergangenheit und somit offensichtlich. Emilys Blick zurück auf die
Welt der Lebenden lässt den Zuschauer aber nachdenklich werden.
"Begreifen die Menschen das Leben, wenn sie es leben?" fragt sie
andere Verstorbene und erhält die Antwort: Blind sind die Menschen,
nichts als blind." Auch wenn die Darsteller an einigen Stellen ins
Komödiantische abzugleiten drohen, erfüllen sie die Szenerie gerade
durch spartanische Requisiten und die Konzentration auf das Eigentliche
mit Leben. Und zeichnen die Figuren, wie vom Autor beabsichtigt,
liebenswert bodenständig. Fast möchte man am Ende schmunzelnd meinen
"Ja, so ist halt das Leben" und vergisst dabei die Grenze zwischen
Schein und Sein. Acht Aufführungen dieser "leidenschaftlichen Suche
nach dem Sinn des Lebens" werden bis zum 2. Dezember vom
Schauspielstudio der TU noch gegeben. Beginn: jeweils um 20 Uhr im
Koehlersaal des alten Hauptgebäudes der Technischen Universität.
Agatha Christie:
"Die Mausefalle"
(2.2.2000 - 19.2.2000)
Darmstädter Echo, Freitag 4.2.2000
Zwei Morde in der Mausefalle: Schauspielstudio der Technischen Universität
führt Agatha-Christie Kriminalstück auf
(lex). Auf eins ist bei Agahtha Christie immer Verlass: die anhaltende
Frage nach dem Mörder. So auch bei dem Kriminalstück "Die Mausefalle",
das die junge Studentenschar vom "Schauspielstudio" der Technischen
Universität am Mittwochabend zum ersten Mal aufführte. Nur eins war
von vornherein klar: Die sanftmütige, junge Pensionsbesitzerin Mollie
Ralston konnte es nicht gewesen sein. Oder?
Viermal wurde das Publikum im Dunkeln gelassen. Nein, in totaler
Finsternis. Als zum ersten Mal das Licht auf der Bühne wieder anging,
war der erste Frauenmord schon geschehen. "Nach Auskunft von Scottland
Yard fand das Verbrechen in der Culver Street 24 in Paddington statt",
hieß es im Radio. Gesucht werde ein Mann. Ein paar liefen dann nach
und nach als Pensionsgäste bei Mollie und Giles Ralston (Carolin Groß
und Martin Brübach) ein. Ob einer von ihnen der Täter war?
Der junge Christopher Wren (Jan Rogausch) war schon seltsam – mit
seinem Faible für Galgenhumor. Doch auch Mr. Paravicini (Michael Grundmann),
der als einziger unangemeldet auftauchte, war verdächtig. Warum fand er
es so reizvoll, in der verschneiten Pension, abgeschnitten von der
Zivilisation, zu sein? "Niemand und nichts als wir selbst. Es könnte gar
nicht besser sein." Aber wahrscheinlich war überhaupt keiner von ihnen
der Mörder. Dies wollte zumindest die stets übertrieben sorgenvolle
Pensionswirtin dem Detective glauben machen.
Dieser Hoffnung machte jedoch spätestens der zweite Mord den Garaus.
Dass es ausgerechnet Mrs. Boyle traf, war ein schmerzlicher Verlust für
den Fortgang des Stücks, denn Valentina Visnjic spielte die ewig
herummäkelnde, verbitterte Alte in ihrer Dauer-Empörung amüsant. Das
fand auch der elfjährige Jan, zu Gast aus Berlin und dort fleißiger
"Friedrichstadtpalast"-Besucher. Eine Tüte Chips vor sich, ging auch
er in der Pause der Frage nach dem Mörder nach. Sein Verdacht:
Christopher Wren – "der ist so eigenartig." Doch wer Agatha Christie
kennt, weiß: Der Unverdächtigste ist meist der Mörder. Oder die:
War es vielleicht doch Mollie? Mitnichten. Es kam, wie es kommen musste.
Und war doch überraschend: Detective Sergeant Trotter (Ulf G. Dahlmann).
Er war’s, weil er in Wirklichkeit gar kein Polizist war, sondern ein
Wahnsinniger, der sich an denen rächen wollte, die für die verhunzte
Kindheit und schließlich den Tod seines Bruders verantwortlich waren.
Deshalb auch Mrs. Boyle, eine ehemalige Richterin. Und beinahe hätte
es auch Mollie getroffen, die damals als junge Lehrerin nicht helfen
konnte.
Der dritte Mord blieb also aus, der Mörder entlarvte sich selbst und
alles war gut. Auch Jan sah ganz zufrieden aus. Sein Schluss-Urteil:
"Das haben ’se ganz gut gemacht."
Marc Camoletti:
"Hier sind sie richtig"
(3.11.1999 - 13.11.1999)
Darmstädter Echo, Freitag 5.11.1999:
Frauen auf Männersuche
Neue Produktion des TU Schauspielstudios
(mn). Mann gesucht! Aber nicht nur einer, nein, gleich vier Männer werden
benötigt, um die turbulente Verwechslungskomödie "Hier sind Sie richtig"
von Marc Camoletti in Gang zu bringen. Mitglieder des Schauspielstudios der
Technischen Universität Darmstadt (TUD) luden am Mittwochabend im alten
TU-Hauptgebäude zur Premiere ein.
Die Konstellation: Malerin Jaqueline und Janine, ihres Zeichens Pianistin,
wohnen zur Untermiete bei der Ex-Bühnendiva Georgette. Vierte Dame im Bunde
ist das Hausmädchen Berthe. Alle haben das gleiche Problem: Sie suchen
einen Mann - allerdings zu völlig unterschiedlichen Zwecken. Jaqueline
braucht ein Aktmodell für ihr neuestes Bild, Janine benötigt dringend
Klavierschüler, um ihre finanzielle Lage aufzubessern, Georgette, die das
Leben in der Stadt leid ist, sucht einen Mieter für ihre Wohnung, und
Berthe möchte endlich den Mann ihres Lebens kennenlernen. Alle geben eine
Zeitungsannonce auf, um ihrem Glück ein wenig auf die Sprünge zu helfen.
Sie tun dies allerdings ohne das Wissen ihrer Mitbewohnerinnen, und so kann
das Verwirrspiel seinen Lauf nehmen - denn natürlich gerät keiner der
jungen Männer an die richtige Frau.
Camolettis Dialoge sind Paradebeispiele missglückter Kommunikation. In der
Annahme, dass sie über denselben Sachverhalt sprächen, verhandeln die
Personen über Details wie die Bezahlung oder die Lage der Wohnung. Da
wundert sich die Vermieterin, dass das Aktmodell die Miete stündlich
abrechnen will, und der Wohnungssuchende ist erstaunt, dass man heutzutage
zuerst seinen Körper zur Schau stellen muss, um als Mieter akzeptiert zu
werden. Der Heiratskandidat ist schockiert, dass eine alte Jungfer ihn zum
Manne möchte und er für diese Zumutung auch noch 60 Franc pro Monat zahlen
soll, und der angehende Klavierschüler wundert sich über die neuen
Übungsmethoden, denn er wird von der Malerin zwecks Tauglichkeitsprüfung in
eine römische Toga gesteckt.
Ein weiteres verwirrendes Moment ist die Abkürzung V.S.F., die alle Frauen
an den Schluss ihrer Anzeige gestellt haben. Die Bedeutung ist aber jeweils
eine gänzlich andere. So werden die Missverständnisse auf die Spitze
getrieben. Der Hieb gegen den inflationären Gebrauch von Kürzeln in unserer
Zeit sitzt.
Die Mitglieder des Schauspielstudios (Filomena Cappelluti, Astrid Brauner,
Dominique Rothe und Valentina Visnjic sowie Heinz Berghäuser, Ulf G.
Dahlmann, Thomas Graeber und San Scheuermann) spielten nach einer
Warmlaufphase mit Witz und Engagement. Da tat es der Stimmung auch keinen
Abbruch, wenn einer mal im Text hängenblieb oder sich das Lachen nicht
verkneifen konnte. Das Premierenpublikum war begeistert und belohnte die
Spieler mit Bravorufen.
Wer neugierig geworden ist und selbst gern herausfinden möchte, was es mit
der Abkürzung V.S.F. auf sich hat, der hat dazu noch am heutigen Freitag,
am Samstag (6.) und Sonntag (7.) sowie am 12. (Freitag) und 13. (Samstag)
November jeweils um 20 Uhr im TU-Hauptgebäude die Gelegenheit.
Michael Ende
"Die Spielverderber oder das Erbe der Narren"
(1997)
"Sie sehen sich an wie Revolvermündungen"
TH-Schauspielstudio spielt "Spielverderber"
(ach). Die hundert Zuschauer Im Kohlersaal der Technischen Hochschule klatschen sich die Handflächen wund, Bravo-Rufe aus allen Ecken — was das "SchauspieIstudio THD“ geboten hatte, war für. eine Laienspielgruppe erstklassig. Michael Endes geheimnisvoller Erblasser namens Johannes Philadelphia hatte Im Fünfakter ~Die Spielverderber“ seine zehn Erben zur Testamentseröffnung in seinen mondänen Palast geladen. Das Ungewöhnliche daran:
Keiner kannte den Erblasser, der wiederum schien seine Erben völlig willkürlich ausgewählt zu haben und auch die Erben untereinander sahen einander zum ersten Mal.
Endes Wahl der Erbengemeinschaft kommt nicht von ungefähr - typische Vertreter der Gesellschaft kamen da in geheimnisvollen Schloß zusammen: Die Familie Geryon (Konstantina Koutentakls-Lufft, Heinz Berghäuser, Sahrah Sanadijan), die zwar eine heile Welt vorgaukelt, innerlich aber zerrüttet Ist, der ,unterbelichtete“ Jugendliche Sebastian Nothaft (Jörg Scbroeder), der seiner grenzenlosen Naivität zum Opfer fällt, die Baronin Alexandra von Xanadu (Danijela kokot), die stets über allem zu chweben scheint, die spießige und rechthaberische Lehrerin Klara Dunkelstern (Sötje Müller, das brave Dummchen vom Lande Paula Olm(Astrid Bauner),die blinde und hinterlistige Anna Fenris (Filomena Cappelluti), der stark wirkende, aber schwache General Markus Schweler (Hans-Peter Rimpf) bis zum fuchsigen Knastbruder Jakob Nebel Giuseppe Cannio) Der Wunsch der Notarin (Gudrun Kreisl), die leidige Angelegenheit so schnell wie möglich hinter sich zu bringen, geht nicht in Erfüllung, denn von Anfang an begegnen sich die Erben mit großer Argwohn – stets darauf bedacht sich nicht übervorteilen zu lassen. Das Testament ist ein Puzzelspiel, zu dem jeder seinen Teil beitragen muß. Ein wildes hin und Her setzt ein, Bestechung ,Erbressung, und Diebstahl sind zum Palast-Alltag geworden. zum Palast-Alltag geworden. Die Farben im Haus verschwinden, das anfänglich so schöne Vogelzwitschern verstummt. Die düstere Warnung der alten Haushälterin Antonia (Dominique Rothe) wird zur schrecklichen Realität. Wegen der zunächst unterschwellig, dann aber offen ausgebrochenen Feindseligkeit der Erben beginnt das Schloß in einem seltsamen Fieber zu erglülhen. Die Anwesenden mißachten jedoch die Anzeichen der Katastrophe und befehden sich weiter. Jeder versucht den anderen über den Tisch zu ziehen. Die gehorsame aber verzweifelte Haushälterin:“ Sie sehen sich an wie Revolvermündungen“
Selbst als der einfältige Sebastian Nothaft den Folgen eines ungewollten Schusses durch den General erliegt, hört der Kampf nicht auf. Im Angesicht des Abgrunds beschuldigt jeder jeden des Unglücks,bis alle in einem Feuer, das keiner gelegt haben will, verbrennen. Den Inhalt des Testaments kannte nur die Notarin – aus materieller Sicht belanglos. Dabei hätten die Erben schon bei der Inschrift über dem Portal des Palastes des Johannes Philadelphia stutzig werden müssen, wo es heißt“ Daß jeder nur erwerbe, was aus ihm selbst entsprang, drum ist der Narren Erbe der Narren Untergang“
Drei Monate lang hatten sich die 12 Laienschauspieler jeden Dienstag um acht Uhr abends getroffen . So etwas wie einen Regisseur kennen sie nicht“Bei uns machen alle alles!, erzählt Filomena Cappelluti, die die blind Anna Fenris so überzeugend dargestellt hatte. Zu Anfang des Semesters wird nach den Personalmöglichkeiten ein Stück ausgewählt, die Rollen verteilt, geprobt und endlich aufgeführt. Und Michael Ende wäre zufrieden gewesen mit dem, was das „Schauspielstudio THD“ geboten hatte. Ganz in seinem Sinne lachte das Publikum oft und laut, nach und nach blieb das Lachen den Leuten jedoch im Halse stecken. Vielleicht, weil dieses in Frankfurt uraufgeführte Stück wirklich immer aktuell ist.
Michael Frayn
"Der nackte Wahnsinn"
(1996)
Oh, diese Kontaktlinsen!
Schauspielstudio der TH spielt "Der nackte Wahnsinn"
Hinter der Bühne Ist auf der Bühne. Und daß im Programm-Heft ein (fiktives) Programmheft liegt, ist bei einer Aufführung der Komödie "Der nackte Wahnsinn" Programm: Das Boulevardstück von Michael Frayn (im englischen Original "Noises Off") nimmt sein eigenes Genre zum Thema und wird so zur bösen Satire auf die Ensembles der Londoner West- End-Theater und ihrer Gesellschaftskomödien. Allein diese Konstellation ist schon für einen Publikumserfolg gut, besonders wenn die anregende Mixtur aus britischem und amerikanischem Humor nut Schwung auf die Bühne gebracht wird. Und dieser Schwung war da, als am Mittwoch Abend ,,Der nackte Wahnsinn“, inszeniert vom Schauspielstudio der Technischen Hochschule, im Wilhelm-Köhler-Saal des alten TH-Hauptgebäudes Premiere hatte. Die Zuschauer feierten das Ensemble am Ende frenetisch. Besonders hatte es den Zuschauern Markus Sedlatschek als Regisseur Lloyd Dallas angetan: Dieser versucht in ,,Der nackte Wahnsinn“ ,noch in der Nacht vor der Premiere, endlich sem verkorkstes Ensemble dazu zu ermuntern, das seichte Lustspiel ,,Spaß muß sein“ wenigstens einigermaßen originalgetreu auf die Bühne zu bringen.
Aber selbst an dieser Komödie in der Komödie scheitern seine Schauspieler: Dotty Otley (Astrid Bauer) zerbricht in der Rolle der Haushälterin an der Aufgabe, das Auflegen eines Telefonhörers und die richtige Platzierung eines Tellers Sardinen unter einen Hut zu bringen. Ihr Freund Garry Lejeune (wunderbar als Phrasendrescher von Giuseppe Cannio in Szene gesetzt) klopft große Sprüche, hat aber sonst auch nicht gerade den Durchblick. Brooke Ashton (Dominique Rothe) spielt ihre Rolle zwar ganz ordentlich, verliert aber andauernd Ihre Kontaktlinsen und bringt damit die Szenen durcheinander. Und Frederich Fellowes (Thomas Sturmfels) ist sowieso zu zartbesaitet für den Job des Schauspielers — er bekommt schon vom Gedanken an Gewalttätigkeiten Nasenbluten.
Einzig Belinda Blair (Gudrun Kreisl) steht mit beiden Beinen im Leben, während der abgehalfterte Mime Seldon Mowbray (Holger Windmöller) entweder seine Einsätze verschläft, oder auf der Suche nach einem Schluck Whisky ist. Dazu kommen noch die ständig herumgescheuchte Regieassistentin Poppy Norton-Taylor (Filomena Cappelluti) und die bemitleidenswerte Inspizientin Cina Allgood (Katja Metzler), an der alle ihre Launen auslassen. Daß mit dieser Besetzung aus dem Sechspersonenstück mit dem angestaubten Humor (Lloyd: ,,Ich weiß auch nicht, was der Autor in dieser Branche zu suchen hat“) ein Reißer wird, ist auch dem Regisseur klar. trotzdem verläßt er sich auf die Routine seines Ensembles und macht sich aus dem Staub, um weit weg ,,Hamiet“ zu inszenieren.
Mit der sehr farbigen und ausdrucksvollen Darstellung dieses Bühnen-Kleinkrieges hatte sich das Schauspielstudio den langanhaltenden Applaus redlich verdient. Peter T h o m a s
,,Der nackte Wahnsinn“ wird noch heute, Samstag, und morgen, Sonntag, gespielt (im alten TH-Hauptgebäude, Hochschulstraße 1), außerdem am 13. Dezember in Langen. Begirm ist jeweils um 20 Uhr. (Darmstädter Echo 7.12.96)
“Der nackte Wahnsinn“
TH- Schauspielproduktion `96
(THD-intern 8/96)
So mancher wird sich schon gefragt haben, ob die Schauspielerei wirklich ein Traumberuf ist. Ist es wirklich das - - höchste der Gefühle, mit einer Hand voll Kollegen monatelang durch die Provinz zu tingeln und jeden Tag dasselbe Stück zu spielen? Was ist, wenn man sich nicht mehr ausstehen kann —oder, vielleicht noch schlimmer, sich im Ensemble verliebt? Um solcherlei Themen geht es in Michael Frayns ,,Der nackte Wahnsinn“, einer der erfolgreichsten Londoner West-End-Komödien der letzten Jahre. Das Schauspielstudio der TH Darmstadt präsentierte diese liebevoll augenzwinkemde Parodie auf das Boulevard-Theater in seiner Dezember-Produktion. Die begeisterten Zuschauer konnten einer Gruppe Schauspieler bei der Ausübung ihres ,, Traumberufes“ hautnah zusehen, sei es bei der Generalprobe ihres neuen Kunstwerks mit dem vielsagenden Titel ,,Spaß muß sein“ unter der Anleitung eines genervten Regisseurs oder bei einer der zahllosen Tourneeaufführungen. Es ,,menschelte“ vor und hinter der Kulisse. Während jedoch die Akteure auf ihrer ,,Bühne“ vehement und lautstark ihren Gefühlen freien Lauf lassen können, muß dies dahinter, im ,,off“, völlig geräuschlos geschehen ,daher der englische Originaltitel ,,Noises off“ Die Zuschauer konnten beides erleben d. h. ,,Der nackte Wahnsinn“ präsentierte sich über längere Strecken gänzlich sprachlos, aber dennoch äußerst turbulent. Obwohl Liebe, Eifersucht ,,too many drinks“ und die ständig her-ausfallenden Kontaktlinsen einer kurzsichtigen Darstellerin an der Substanz nagen, geht die ,,Aufführung“ immer wieder mit Ach und Krach über die Bühne. Man improvisiert, bereinigt Durchhänger in letzter Sekunde, vermeidet größere Desaster, indem jeder für jeden einspringt, denn ,,Spaß muß sein“ und ,,The Show must go on!“ wie im richtigen Leben. Wer den Spaß solch einer brillant gespielten Aufführung-live-miterleben oder gar seine schauspielerischen Talente zum Einsatz bringen möchte, wende sich an das Schauspielstudio THD, Postfach beim AStA Hochschulstraße 1, 64289 Darmstadt.
'Arthur Miller
"Hexenjagd"
(1995)
(Darmstädter Echo Dez.1995, Natalie Chromnica)
Skrupellose ging sogar über Leichen
Schauspielstudio der THD brillierte in der Stadthalle mit Arthur Millers Hexenjagd
Langen - Es liegt etwas Unheilvolles in der Luft, die Atmosphäre ist geisterhaft und beängstigend. Totenstille, bis auf einen Chor im Hintergrund. Betty Parris, die Tochter des Pastors von Salem, liegt unbeweglich auf ihrem Bett, Anzeichen einer natürlichen Krankheit gibt es aber nicht. Wie schnell setzt sich da das Gerücht in Bewegung, der Teufel habe Besitz von ihr ergriffen! Hatte sie doch sogar noch, kurz bevor sie in diese rätselhafte Ohnmacht fiel, versucht zu fliegen.
Bereits die Eingangsszene der jüngsten Inszenierung des Schauspielstudios der Technischen Hochschule Darmstadt (TH~J} war fesselnd und zutiefst beunruhigend. Eine Stimmung, die sich im Laufe der folgenden drei Stunden nicht verlieren, sondern noch erheblich steigern sollte. Bereits zum siebten Mal in Langen zu Gast, übertraf die Theatergruppe sich selbst mit dem schwierigen und anspruchsvollen Stück ,,Hexenjagd“ von Arthur Miller. Mit ihrer überaus professionellen und packenden Aufführung zogen die Schauspieler am vergangenen Samstag ihr Publikum in der bis auf wenige Reihen vollbesetzten Stadthalle bis zur letzten Sekunde in ihren Bann.
Das zentrale Datum in Millers Stück, das er nach wahren Begebenheiten schrieb, ist das Jahr 1692 -der Schauplatz Salem, Massachusetts. Damals geriet durch Beschuldigungen, aufgrund derer viele Menschen der Hexerei bezichtigt wurden, eine furchtbare Lawine ins Rollen: Hunderte von Menschen wurden zum Tode verurteilt. Massendenunziation. die vom Staat unterstützte Vernichtung zahlreicher Existenzen und Menschenleben - all das brachten die Schauspieler so überzeugend auf die Bühne, daß man fast den Eindruck hatte, selbst mit dabei zu sein.
Die Unerbittlichkeit der Ankläger, die Situation plötzlich nicht mehr zwischen Wahrheit und Lüge um unterscheiden zu können: Auch wenn das 1953 uraufgeführte Stück von einer längst vergangenen Zeit zählt, hat es längst nichts von seiner Aktualität verloren, es bleibt nachvollziehbar. Vor allen durch die Schilderung einzelner Schicksale entfaltet sich die überaus starke Wirkung des Dramas. ,,Hexenjagd“ zeigt nicht nur eine anonyme Masse. deren Angst und Verwirrung allmählich ausufert. Im Mittelpunkt steht vielmehr die eis-kalte und berechnende Abigail Williams. durch die die Hysterie entfacht wird. Abigail - sehr überzeugend gespielt von Julia Vokkel - hat nur ein einziges Ziel: Den Farmer John Proctor, den Michael Schäfer großartig darstellte, mit dem sie einst eine Nacht verbrachte, zu besitzen. Proctor hat seinen folgenschweren Fehler längst erkannt und Abigail als skrupellose Frau durchschaut. Doch diese denkt gar nicht daran ihn aufzugeben. Abigail geht ohne mit der Wimper zu zucken über Leichen, sie manipuliert mit Leichtigkeit andere Menschen, ohne daß diese auch nur Verdacht schöpfen. So ist sie es auch, die zahlreiche Menschen der Hexerei bezichtigt und sich selbst als Opfer in Szene setzt. Unter den vielen, die von ihr denunziert werden, ist auch Proctors brave Frau Elizabeth, die von Gudrun Kreisl gespielt wurde. Deren Tod soll Abigail den Weg zu dem Objekt ihrer Begierde ebnen.
Proctor setzt alles daran, seine Frau zu retten und Abigails Lügengerüst zum Einstürzen zu bringen. Ein Versuch. der hilflos scheitert. Er, der sich nicht dem Diktat der strengen Gemeinde unterwirft. erscheint dem Gericht weniger glaubhaft als das Biest Abigail. Proctor entscheidet sich schließlich gegen die Lüge und somit für den Galgen. wahrt aber seine Gutheit. wie seine Frau Elizabeth sagt.
Nach der niederschmetternden Schlußszene konnte schließlich die Spannung von den Schauspielern und dem Publikum abfallen. Der tosende Applaus war der Beweis dafür, wie sehr das Schauspielstudio THD die Zuschauer mit dem authentisch und gekonnt aufgeführten Stück beeindruckt hatte.